Realfake oder Catfish?

Immer wieder werde ich gefragt, was der Unterschied zwischen Realfakes und Catfish ist. Kurz gesagt: Es gibt keinen.

Als ich 2011 selbst Opfer eines Realfakes wurde, waren mir Fakes natürlich geläufig. Ich ging (wie damals wohl die meisten Menschen) davon aus, das sie leicht zu erkennen wären und ich niemals auf einen hereinfallen würde. Von Fakes, die dermaßen aufwändig arbeiten wie Realfakes, die zig vernetzte Fake-Accounts betreiben, nur um die eigene „Echtheit“ zu bestätigen, die kostspielige Geschenke machen, zum Telefonieren Stimmenverzerrer benutzen usw. hatte ich noch nie etwas gehört. Es wäre mir auch völlig unklar gewesen, warum jemand „so etwas“ tun sollte.

Weder ich noch mein Freundes-/Bekanntenkreis kannten zum damaligen Zeitpunkt den Dokumentarfilm „Catfish“ von Ariel Schulman und Henry Joost, der in den USA im September 2010 erschienen war, in Deutschland aber wenig Beachtung gefunden hatte. Der Begriff „Catfish“ war im deutschsprachigen Raum noch nicht etabliert.

Um damals eine für mich schlüssige Bezeichnung für den Typ Fake zu finden, mit dem ich es zu tun hatte, wählte ich die naheliegendste: „Realfake“ – ein Wort, das in anderem Zusammenhang bereits für perfekte Fälschungen von Konsumgütern, Gemälden etc. oder die absolut realistische Darstellung virtueller Welten und digitaler Körper in Design, Kunst und Film verwendet wird. 2013 veröffentlichte ich dann diese Website unter dem Namen realfakes.net.

Mit den Jahren hörte man den Begriff „Catfish“ immer häufiger. Als er 2014 offiziell in das „Oxford English Dictionary“ aufgenommen wurde, überlegte ich kurz, „Realfake“ zukünftig nicht mehr zu verwenden, statt dessen „Catfish“ zu sagen, und diese Seite abzuändern. Ich entschied mich letzten Endes aus folgendem Grund dagegen:

Der Film „Catfish“ erzählt die Online-Liebesgeschichte von Nev Schulman und Megan, einer jungen Frau, die sich später als Fake entpuppt. Die Bezeichnung „Catfish“ geht auf eine Filmszene zurück, in der jemand (sehr vereinfacht, da ich nicht spoilern möchte) folgende Geschichte erzählt: „Früher verschiffte man lebende Kabeljaue von Asien nach Nordamerika. Da sie sich in ihren Tanks kaum bewegten, wurde ihr Fleisch während der Überfahrt weich und matschig. Die Fischfänger begannen, Welse (im Englischen „Catfish“) mit in die Behälter zu tun, da diese die Kabeljaue in Bewegung hielten, was wiederum ihre Qualität verbesserte“.
Der Erzähler findet, dass es im Leben eines jeden Menschen Leute gibt, die wie diese Welse sind und ihr Gegenüber „zum Nachdenken anregen und es auf Trab halten“. In der Person, die hinter Nevs Fake steckt, sieht er einen solchen Menschen.
Wenn man nun also ganz plump schlussfolgert und fakende Menschen mit den Welsen/Catfish gleichsetzt, heißt das konkret, dass Fakes ihren Opfern (in der Story die Kabeljaue) im Grunde etwas Gutes tun: Sie halten sie in Bewegung, verhindern, dass sie zu träge werden und verbessern ihre „Qualität“. Ich finde diese Ableitung unpassend positiv besetzt und verharmlosend und verwende darum lieber weiterhin „Realfake“. Im Grunde ist es aber ganz egal und lediglich eine Frage des persönlichen Geschmacks, ob man „Realfake“ oder „Catfish“ sagt. 

Im November 2012 startete die Reality Show „Catfish“ auf MTV. In den Folgen besuchen Nev und ein*e Co-Moderator*in Menschen, die ihre Online-Liebe noch nie getroffen haben, recherchieren, wer dahinter steckt und arrangieren eine Aussprache.
Online kann man sich die Staffeln hier anschauen.
Obwohl die Serie ohne Zweifel sehr unterhaltsam ist, geriet sie in die Kritik, als herauskam, dass sich in den meisten Fällen die Fakes selbst bei der Produktionsfirma melden, in den Episoden aber der Eindruck erweckt wird, das Opfer hätte den ersten Schritt gemacht.
Ein interessanter Artikel darüber hier.

Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass die in der Show gezeigten Recherche-Erfolge nicht sehr realistisch sind (es sei denn, amerikanische Catfish gehen sehr viel unbedachter vor als alle, mit denen ich es im deutschsprachigen Raum bisher zu tun hatte): Häufig verwenden die Fakes in der Serie z.B. ihre realen Telefonnummern oder Adressen, die sich dann mühelos bis zur echten Person zurückverfolgen lassen. Die Bildersuche liefert natürlich fast immer Ergebnisse und kontaktierte Facebook- und Instagram-Freunde des Fakes rufen innerhalb von Minuten zurück und klären den Fall auf. Abschließend lassen sich die Catfish selbstverständlich auf ein Treffen ein und es kommt zu einer für beide Seiten befriedigenden Aussprache. Im „echten Leben“ funktioniert das leider nie so einfach …